Montag, 16. Mai 2016

Nähmaschinenkauf - Was ist wichtig?

„Welche Nähmaschine könnt ihr empfehlen?“ – Diese oder ähnliche Fragen lese ich immer wieder in unterschiedlichen Nähgruppen auf Facebook.

Klar, Nähen ist momentan „in“ und erfreut sich großer Beliebtheit. Und in Zeiten des world wide webs halten es viele Anfänger nicht mehr für nötig, einen Anfängerkurs zu besuchen. Schließlich hat die Freundin einem schon ein bisschen was an der Maschine gezeigt und es gibt zahlreiche bebilderte Anleitungen und Youtube-Videos, die zeigen, wie’s geht. Also muss eine eigene Nähmaschine her. Da man Neuling ist, soll sie nicht viel kosten, denn wer weiß, ob man dauerhaft dabeibleibt oder es nur ein vorübergehendes Hobby ist, weil es eben gerade „in“ ist, sein Kind mit selbstgenähter Kleidung in den Kindergarten zu bringen.

Ich persönlich hatte das große Glück, an der Husqvarna meiner Mutter aus den frühen 1980er Jahren zu lernen. Diese Maschine kostete damals schon über 2.000 DM, aber es hat sich gelohnt. Meine Mutter näht heute noch darauf und die Maschine läuft super. Es ist eine mechanische Maschine ohne viel Klimbim, aber mit der Möglichkeit, alle wichtigen Einstellungen selbst von Hand vorzunehmen. Sprich: Ich habe nicht nur gelernt, irgendwie drauf los zu nähen, sondern auch, wie man eine Maschine einstellt und dass, wenn es Probleme gibt, wohl mal eine Einstellung verändert werden muss, damit es besser wird. Eine Erkenntnis, die vielen Anfängern heutzutage fehlt. Denn: Viele günstige Maschinen haben gar nicht die Möglichkeit, verschiedene Sachen einzustellen. Oftmals sind weder Fadenspannung, noch Nähfußdruck verstellbar. Und dabei ist aus meiner Sicht ein verstellbarer Nähfußdruck heute, wo alle gerne Jersey nähen wollen, unverzichtbar.

Daher empfehle ich jedem Anfänger, zunächst mal einen Nähkurs zu machen!
Dort bekommt ihr in der Regel eine Maschine gestellt, die ihr im Kurs benutzen könnt. Die Maschine wird euch erklärt, sodass ihr wisst, was man einstellen kann (und ggf. auch muss) und wenn ihr Probleme habt (und die hat jeder mal), dann wird euch gezeigt, was ihr in solchen Fällen machen müsst. Denn oft liest man in oben genannten Gruppen auch, dass Maschinen nicht mehr machen, was sie sollen. Und wenn man dann fragt, ob die Maschine mal gereinigt wurde, eine neue hochwertige Nadel eingesetzt und das hochwertige Garn neu eingefädelt wurde, heißt es oft nein und im Nachhinein dann, dass die Maschine nun dank dieses Tipps wieder läuft. U.a. sowas lernt man als erstes im Nähkurs.
Auch lernt ihr dort, auf was ihr Wert legt. Was mögt ihr an einer Maschine, was mögt ihr gar nicht? Was für Funktionen findet ihr gut oder auch nicht gut?

So… und nun aber wirklich... Meine Empfehlung, basierend auf 10 Monaten Supertesterzeit und 6 Monaten Arbeit im Fachgeschäft hier vor Ort:

Überstürzt die Entscheidung des Nähmaschinenkaufs nicht, spart lieber etwas länger und überlegt euch Folgendes:
  • Was will ich überwiegend nähen? (Bekleidung aus Jersey? Dicke Materialien für Taschen? Leder? Große Projekte? ...?)
  • Welche Funktionen muss eine Maschine für mich haben? (z.B. Einfädler, verstellbarer Nähfußdruck, verstellbare Fadenspannung)
  • Welches Zubehör ist für mich unverzichtbar?
  • Welches Budget steht mir zur Verfügung?
  • Auf was würde ich ggf. verzichten können?
  • Was ist mir allgemein wichtig? (z.B. Platz rechts der Nadel, Größe, Gewicht)

Und dann geht in einen Nähmaschinenladen eures Vertrauens und lasst euch beraten! Oft haben die Verkäufer selbst einige Erfahrungen gemacht, indem sie einerseits selbst an verschiedenen Maschinen gesessen haben und andererseits aber auch Rückmeldungen von Kunden erhalten, wie gut sie mit welcher Maschine zurechtkommen.
Darüber hinaus gilt: Probiert verschiedene Nähmaschinen aus, um zu sehen, welche euch in der Bedienung liegt und welche euch nicht gefällt. Das merkt ihr nur dann, wenn ihr selbst an der Maschine sitzt. Das Ausprobieren ist in den allermeisten Fachgeschäften auch ohne Anmeldung möglich. Wenn ihr auf Nummer sicher gehen wollt, dass ihr ohne Wartezeit ausführlich beraten werden könnt, ruft vorher im entsprechenden Geschäft an und macht einen Termin aus.
Oft spielt beim Maschinenkauf auch der Geldbeutel eine große Rolle. Überlegt euch also wirklich Antworten auf die obigen Fragen. Braucht man wirklich den hundertsten Zierstich oder kommt man vielleicht auch ohne aus und hat dafür aber eine Maschine mit besserem Stichbild und höherer Verarbeitungsqualität? …

Klar muss euch sein: Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht!

Aber es gibt ganz viele unterschiedliche Maschinen, die unterschiedliche Dinge gut oder eben nicht so gut können.
Hier gibt es sicher viele gute Maschinen. Allerdings spielt hier auch immer der Preis eine Rolle. Eine 300 € Maschine wird niemals so ein gutes Stichbild haben wie eine 2.000 € Maschine. Irgendwo kommt der Preis ja auch her.


Dafür ist entscheidend, was man überwiegend nähen möchte.

Jersey
Hier finde ich einen verstellbaren Nähfußdruck unverzichtbar. Auch ist es nett, wenn man einen Obertransport hat. Dieser ist z.B. durch das IDT-System bei den meisten Pfaff-Maschinen bereits integriert. Man kann aber für fast jede Maschine auch einen extra Obertransportfuß dazu kaufen. Dieser muss dann allerdings jedes Mal extra angebaut werden.

Sehr dicke Materialien und Leder
Hier ist Bernina fast die einzige Wahl, denn selbst hochpreisige Maschinen anderer Hersteller machen bei 4 Lagen ( = einmal zusammennähen, wenden und absteppen) schlapp. Eine Alternative wäre hier lediglich eine gebrauchte Industriemaschine, aber dafür hat wohl kaum jemand Platz in seiner Wohnung.

Sehr gutes Stichbild
Ich persönlich finde, dass Bernina im Vergleich fast das beste Stichbild hat, dicht gefolgt von Husqvarna, wobei Husqvarna im Preis-Leistungs-Verhältnis eindeutig mehr zu bieten hat.

Wie würde MEINE Liste aussehen?
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Was will ich überwiegend nähen?
Ich nähe überwiegend Sachen aus Webware und beschichteter Baumwolle (Wachstuch), eher selten Jersey, aber schon häufig dickere Lagen.

Welche Funktion muss eine Maschine für mich haben?
- Einfädler
- automatisches Vernähen
- Fadenschneider
- Unterfadenwächter
- Verstellbarkeit von Stichbreite, Stichlänge und Nadelposition
- verstellbarer Nähfußdruck
- verstellbare Fadenspannung
- Tipp-Funktion (bisher nur bei Husqvarna und Pfaff: Nadel geht in den Stoff, Füßchen geht halb hoch, sodass man den Stoff wenden kann, ohne die Hände vom Projekt nehmen zu müssen)

Welches Zubehör ist für mich unverzichtbar?
- Obertransport (entweder integriert (IDT bei Pfaff, Dualtransport bei Bernina) oder als Obertransportfuß)
- Teflonfuß (gleitet besser über beschichtete Baumwolle als ein normales Füßchen)

Welches Budget steht mir zur Verfügung?
Ich habe mir erst überlegt, welche Maschine/n ich gerne hätte und dann lange darauf gespart, ehe ich sie mir beim Händler gebraucht gekauft habe.
(Ich bin aber auch der Meinung, dass man gut und gerne 500 € haben sollte, wenn man sich eine Maschine kaufen will. Mehr dazu unten...)

Auf was würde ich ggf. verzichten können?
- Ich brauche keine tausend Zierstiche, auch wenn sie nett sind und meine Maschinen viele Zierstiche haben, nutze ich doch nur sehr wenige und meist die gleichen.
- Meine Maschine muss nicht unbedingt Leder nähen können, auch wenn ich es manchmal vermisse. Irgendwann kann ich mir hoffentlich eine Bernina leisten, die das kann. ;)
- Für mich muss eine Maschine nicht zwingend super leise sein. Klar, auch nicht mega laut, aber eine normale Lautstärke darf sie haben.
- Ich brauche die Start-Stopp-Funktion, also das Nähen ohne Pedal, nicht, da ich so gut wie immer mit Pedal nähe.

Was ist mir allgemein wichtig an einer Maschine?
- Die Maschine muss transportabel sein für mich als Frau, also bitte nicht zu groß und nicht zu schwer. Sie sollte aber trotzdem schwer genug sein, um einen guten Stand zu haben.
- Die Maschine sollte eine gute Aufbewahrung im Anschiebefach haben, also kleine Fächer für die Nähfüßchen und Unterfadenspulen, sodass ich alles Wichtige immer direkt an der Maschine habe. (Die extra Schränkchen von Bernina finde ich gut, aber für mich persönlich, weil ich kein Nähzimmer habe, unpraktisch.)
- Die Kabel für Strom und Fußpedal müssen lang genug sein.
- Die Maschine sollte reichlich Platz rechts der Nadel haben, damit auch große Projekte (Taschen) hindurch passen.
- Die Maschine muss dicke Lagen gut nähen können, da ich oft Taschen nähe.
- Die Maschine muss ein sehr gutes Stichbild und einen sehr guten geradeaus Transport haben! Ich finde es grässlich, wenn Nähte krumm und schief oder ungleichmäßig werden.

Abschließend will ich euch wirklich ans Herz legen, lieber ein bisschen länger zu sparen und euch was Anständiges zu kaufen, als hinterher unzufrieden mit euren Ergebnissen zu sein oder zweimal zu kaufen.
Meine persönliche Meinung ist, dass man für eine neue Maschine schon mind. 500 € ausgeben muss, um was halbwegs Ordentliches zu bekommen. Allerdings gibt es viele Händler, die auch gute gebrauchte Maschinen für einen kleineren Preis verkaufen. Diese Maschinen sind dann generalüberholt und der Händler muss auch bei gebrauchten Maschinen ein Jahr Gewährleistung geben, sodass ihr hier abgesichert seid, falls doch mal was sein sollte.
(Zwei meiner Maschinen, die Husqvarna Ruby Royale und die Pfaff Performance 5.0, habe ich übrigens gebraucht beim Nähpark gekauft und allerbeste Erfahrungen gemacht.)

Ich hoffe, ich kann euch mit diesem Beitrag bei eurer Entscheidung ein bisschen weiterhelfen. Sollten noch Fragen sein, dürft ihr natürlich gerne fragen.



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